Leben mit Inkontinenz - Ratgeber Volkssolidarität Dresden

Inkontinenz betrifft Millionen: Tipps für den Umgang mit Betroffenen, Vorsorge und Unterstützung

Inkontinenz betrifft Millionen: Volkssolidarität Dresden wirbt für mehr Offenheit, Beratung und praktische Hilfe

Das Thema betrifft viele Menschen – und dennoch wird oft darüber hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Doch, Inkontinenz ist kein Randthema. Nach Angaben der Deutschen Kontinenz Gesellschaft leben in Deutschland rund zehn Millionen Menschen mit unterschiedlich starken Formen der Inkontinenz. Betroffen sind Frauen und Männer, jüngere und ältere Menschen. Dennoch bleibt das Thema für viele mit großer Scham verbunden. Viele Betroffene sprechen nicht darüber, suchen keine ärztliche Hilfe oder versuchen, die Situation im Alltag zu verbergen.

Erhebungen zur Harninkontinenz zeigen, wie verbreitet ungewollter Urinverlust ist. Laut Stiftung Gesundheitswissen sind in Deutschland durchschnittlich etwa 13 von 100 Erwachsenen betroffen. Frauen berichten häufiger von Harninkontinenz als Männer: etwa 15 von 100 Frauen und knapp 10 von 100 Männern. Mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit deutlich. Bei Menschen über 60 Jahren berichteten etwa 23 von 100 von Harninkontinenz. In der Altersgruppe ab 80 Jahren lagen die Werte in einer neueren Studie bei 48 von 100 Frauen und 35 von 100 Männern.

Die Zahlen machen deutlich: Inkontinenz kann viele Menschen treffen. Sie betrifft ältere Menschen ebenso wie Menschen mit Demenz, Personen nach Operationen oder Schlaganfällen, Menschen mit neurologischen Erkrankungen, Frauen nach Geburten, Männer nach Prostataerkrankungen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Für Betroffene ist Inkontinenz weit mehr als ein medizinisches oder pflegerisches Problem. Sie berührt das eigene Körpergefühl, die Selbstständigkeit, die Würde und häufig auch die soziale Teilhabe.

Gregor Wittenburg, Bereichsleiter Ambulante Dienste bei der Volkssolidarität Dresden„Wichtig ist, dass wir Inkontinenz nicht als persönliches Versagen betrachten“, sagt Gregor Wittenburg, Bereichsleiter Ambulante Dienste der Volkssolidarität Dresden. „Für Betroffene ist die Situation oft mit großer Scham verbunden. Deshalb braucht es ein Umfeld, das nicht beschämt, sondern unterstützt. Wer ruhig, sachlich und würdevoll mit dem Thema umgeht, nimmt Betroffenen Druck und ermöglicht Hilfe.“

Gerade in der Pflege ist Inkontinenz ein häufiges und sensibles Thema. Ende 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. 86 Prozent von ihnen wurden zu Hause versorgt – das entspricht rund 4,9 Millionen Menschen. Etwa 1,1 Millionen Pflegebedürftige lebten in Privathaushalten und wurden dort zusammen mit oder vollständig durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste unterstützt. Auch in Sachsen ist die Bedeutung groß: 2023 waren 363.243 Menschen pflegebedürftig, davon wurden 313.567 zu Hause betreut. Bei 88.478 Menschen waren ambulante Pflege- oder Betreuungsdienste beteiligt.

Aus pflegerischer Sicht ist der individuelle Blick entscheidend

Inkontinenz hat verschiedene Ursachen und sollte nicht vorschnell als unvermeidliche Alterserscheinung abgetan werden. Ärztliche Abklärung, gezielte Beratung, geeignete Inkontinenzmaterialien, Hautschutz, regelmäßige Toilettenroutinen, Bewegung und – je nach Situation – Beckenbodentraining können helfen, Beschwerden zu lindern oder den Alltag sicherer zu gestalten.

Was Angehörige konkret tun können

Im Alltag zeigt sich Inkontinenz oft nicht nur durch nasse Kleidung oder Bettwäsche. Hinweise können auch häufige Toilettengänge, Rückzug, Unsicherheit vor Ausflügen, Hautreizungen, Geruch, versteckte Wäsche oder versteckte benutzte Vorlagen sein. Wichtig ist dann, nicht mit Vorwürfen zu reagieren.

Hilfreicher sind ruhige, einfache Sätze wie: „Das kann passieren. Wir kümmern uns darum.“ Oder: „Wir schauen gemeinsam, was dir mehr Sicherheit gibt.“ Scham wird kleiner so Wittenburg, wenn Angehörige sachlich bleiben und die betroffene Person nicht auf das Problem reduzieren.

Praktisch helfen können feste Toilettenzeiten – zum Beispiel nach dem Aufstehen, vor dem Mittagsschlaf, vor Spaziergängen und vor dem Schlafengehen. Bei nächtlicher Unsicherheit können ein Nachtlicht, ein freier Weg zur Toilette, rutschfeste Hausschuhe oder ein Toilettenstuhl sinnvoll sein. Kleidung sollte leicht zu öffnen sein. Ein diskreter Abwurfbehälter, kleine Müllbeutel und gut erreichbare Wechselwäsche können verhindern, dass benutzte Vorlagen versteckt werden.

Auch ein Trink- und Toilettenprotokoll kann helfen. Darin wird notiert, wann getrunken wurde, wann die Toilette aufgesucht wurde und wann es zu ungewolltem Urinverlust kam. So lassen sich Muster erkennen: Passiert es vor allem nachts? Nach Kaffee? Beim Husten, Niesen oder Aufstehen? Oder weil der Weg zur Toilette zu lang ist?

Wichtig ist außerdem: Aus Angst vor Inkontinenz sollte die Trinkmenge nicht einfach stark reduziert werden. Zu wenig Flüssigkeit kann den Urin konzentrieren, die Blase reizen und weitere Probleme begünstigen. Sinnvoller ist es, Trinkmengen und Trinkzeiten individuell zu besprechen.

Was Betroffene selbst unterstützen kann

Wer körperlich dazu in der Lage ist, kann im Alltag kleine Übungen einbauen. Beckenbodentraining kann helfen, muss aber richtig ausgeführt werden. Besonders alltagstauglich sind kurze Anspannungs- und Entspannungsübungen im Sitzen oder Stehen – etwa beim Zähneputzen, Warten oder Fernsehen. Wichtig ist, ruhig weiterzuatmen und nicht Bauch, Po und Oberschenkel zu verkrampfen.

Auch Bewegung kann unterstützen.

Spaziergänge, leichtes Radfahren, Gymnastik oder regelmäßiges Aufstehen fördern Mobilität und Selbstständigkeit. Das ist besonders wichtig, wenn Inkontinenz auch dadurch entsteht, dass Menschen die Toilette nicht rechtzeitig erreichen.

Beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben kann es helfen, den Beckenboden vorher kurz anzuspannen. Beim Heben gilt: nicht die Luft anhalten, sondern ausatmen, den Gegenstand nah am Körper halten und den Beckenboden entlasten.

Blasentraining kann bei bestimmten Formen der Inkontinenz ebenfalls sinnvoll sein. Dabei wird geübt, Toilettengänge schrittweise zu strukturieren und Harndrang besser einzuordnen. Das sollte bei stärkeren Beschwerden oder Unsicherheit fachlich begleitet werden.

Wie der Ambulante Dienst unterstützt

„Unsere Pflegekräfte im Ambulanten Dienst erleben täglich, wie wichtig Diskretion und Fachwissen sind“, so Wittenburg. „Es geht nicht nur um die Versorgung mit Hilfsmitteln, sondern auch um Hautbeobachtung, Hygiene, Beratung und den Erhalt von Lebensqualität. Wir achten darauf, was sich verändert, ob Materialien passen, ob Hautprobleme entstehen oder ob Betroffene sich zurückziehen. Pflege heißt hier auch: Würde schützen.“

In der ambulanten Pflege bedeutet das konkret: Pflegekräfte achten darauf, ob das verwendete Inkontinenzmaterial zur Situation passt – also Größe, Saugstärke und Handhabung. Sie beobachten die Haut, sprechen Rötungen oder wunde Stellen an und beraten zu sanfter Reinigung und Hautschutz. Sie unterstützen bei der Körperpflege, beim Wechseln von Kleidung oder Bettwäsche und helfen, Routinen im Alltag zu entwickeln.

Ebenso wichtig ist die Beratung der Angehörigen. Oft geht es um kleine Veränderungen mit großer Wirkung: Wo liegt das Material? Ist der Weg zur Toilette sicher? Gibt es nachts Orientierung? Wird die betroffene Person rechtzeitig erinnert? Gibt es eine diskrete Entsorgung? Muss ärztlich abgeklärt werden, ob ein Harnwegsinfekt, Medikamente, Schmerzen oder eine andere Ursache dahinterstecken?

Mit unserer Rubrik „Seniorenratgeber Kontinenz“ möchten wir das Thema zusätzlich alltagsnah aufgreifen. Neben Informationen und Erfahrungswissen sollen hier auch einfache Übungen und praktische Hinweise vorgestellt werden, die Betroffene und Angehörige in den Alltag integrieren können.

Die wichtigste Botschaft zum Internationalen Inkontinenztag lautet:

Inkontinenz ist kein Grund für Scham.

Wer darüber spricht, kann Hilfe bekommen. Und wer Betroffene begleitet, kann mit Verständnis, Wissen und Respekt viel dazu beitragen, Lebensqualität zu erhalten.

Hinweis zur Versorgung:

Inkontinenzhilfen wie Vorlagen, Pants oder Inkontinenzhosen können bei medizinischer Notwendigkeit ärztlich verordnet und über die Krankenkasse bezogen werden. Die gesetzliche Zuzahlung beträgt bei zum Verbrauch bestimmten Hilfsmitteln in der Regel 10 Prozent des Erstattungsbetrages, maximal 10 Euro pro Monat. Ergänzende Pflegehilfsmittel zum Verbrauch – zum Beispiel Bettschutzeinlagen, Einmalhandschuhe oder Desinfektionsmittel – können bei vorhandenem Pflegegrad über die Pflegekasse abgerechnet werden; seit 1. Januar 2025 liegt der Höchstbetrag dafür bei 42 Euro monatlich.

Pflegebedürftige und Angehörige sollten sich dazu bei ihrem Ambulanten Dienst in der Nähe, einem unserer Beratungszentren, der Krankenkasse, Pflegekasse, im Sanitätshaus oder in der Apotheke beraten lassen.

Quellen:
Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V.; Stiftung Gesundheitswissen; Statistisches Bundesamt; Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen; Verbraucherzentrale; GKV-Spitzenverband; Gesundheitsinformation.de / IQWiG; NHS.

Lesen Sie auch das Interview mit Gregor Wittenburg, Bereichsleiter Ambulante Dienste der Volkssolidarität Dresden zum Umgang mit  Betroffenen, Vorsorge und Beratung. Interview Inkontinenz

Foto: KI generiert, Volkssolidarität Dresden