Einmal wöchentlich trifft sich Dietmar Kammerschen in der Begegnungsstätte „Amadeus“ zum Schach. Im Bild (v. l. n. r.): Manfred Behrendt, Hannes Terner, Dietmar Kammerschen.

Ein Gesicht für unsere Werte – Im Gespräch mit Dietmar Kammerschen

Miteinander und Füreinander – das ist das Leitmotiv der Volkssolidarität, auf dem die Arbeit der Organisation ruht.

Einer, der diese Werte an herausragend verantwortlicher Stelle lebt, ist Dietmar Kammerschen. Als Vorsitzender des Aufsichtsrates der Volkssolidarität Dresden und seiner drei gemeinnützigen Tochtergesellschaften sowie als Vorsitzender des Stiftungsrates unserer Stiftung trägt er eine besondere Verantwortung bei der Beratung und Begleitung des Vorstandes an dessen strategischen Entscheidungen und Weichenstellungen. 

Doch wer steckt hinter den Ämtern? Was motiviert ihn, wenn es um das soziale Miteinander in Dresden geht?

Wir haben nachgefragt und mit ihm über Herausforderungen, Herzensprojekte und seine Vision für die Volkssolidarität in Dresden gesprochen.

Herr Kammerschen, bevor wir zu den Sachthemen kommen, drei kurze Fragen für den ersten Eindruck: Elbe oder Großer Garten?
Die Elbwiesen zum Durchatmen, aber der Große Garten für die gesellige Runde – am besten beides!

Kaffee oder Tee?
Ganz klassisch: Ein guter Kaffee am Morgen ist der beste Start in den Arbeitstag.

Digitaler Kalender oder Notizbuch aus Papier?
Beruflich geht ohne digital nichts mehr, aber wichtige Gedanken schreibe ich immer noch am liebsten händisch auf.

Motivation & Werte

Sie stehen seit Februar 2025 dem kürzlich von der Delegiertenversammlung in Aufsichtsrat umbenannten Verbandsrat vor; dem Stiftungsrat unserer Stiftung bereits seit Mai 2024. Was ist Ihr persönlicher „Motor“ für dieses Ehrenamt?

Es ist die Überzeugung, dass eine Stadt wie Dresden nur funktioniert, wenn wir füreinander einstehen. Die Volkssolidarität Dresden hat eine enorme Kraft, Menschen aus der Einsamkeit zu holen. Diesen Rahmen mitzugestalten und sicherzustellen, dass wir auch in stürmischen Zeiten stabil bleiben, ist eine Aufgabe, die mich jeden Tag motiviert.

Das Motto der Volkssolidarität ist „Miteinander – Füreinander“. Wo erleben Sie das am stärksten?
Oft in den kleinen Momenten – in den Begegnungsstätten oder wenn ich sehe, mit wie viel Herzblut unsere hauptamtlichen Beschäftigten und ehrenamtlichen Helfer unterwegs sind. Es geht nicht nur um Dienstleistung, sondern um echte menschliche Nähe und Beziehung.

Strategie & Zukunft

Die Pflegebranche und soziale Vereine stehen unter Druck. Wo sehen Sie die Volkssolidarität Dresden in fünf Jahren?

Zuallererst müssen wir den Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung fortführen ohne die Themen wie Investitionen in Modernisierung und Digitalisierung zu vernachlässigen. Das bedeutet: Wir investieren wirtschaftlich verantwortbar in moderne Pflege mit guten Arbeitsbedingungen und digitale Unterstützung für unsere Teams, damit wieder mehr Zeit für die Menschen, die sich uns anvertrauen, bleibt. Unser gemeinsames Ziel von Vorstand, Geschäftsführungen und Aufsichtsrat ist, dass die Volkssolidarität in Dresden weiterhin eine erste Adresse für soziale Arbeit mit Senioren bleibt und innovativster Anbieter von stadtteilbezogenen Leistungen für Jung und Alt wird. Wir sind mit unserem Vorstandsvorsitzenden Christian Seifert auf einem sehr guten Weg. Mit seinen Teams hat er schon kräftig mit einer Vielzahl von erfolgreich umgesetzten Projekten und organisatorischen Maßnahmen in unsere 2022 beschlossene Strategie „Volkssolidarität Dresden 2030“ eingezahlt.

Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Her-
ausforderungen?

Wir leben in bewegten Zeiten: Kriege, Rezession, Inflation, der andauernde Verlust von Industriearbeitsplätzen bei gleichzeitigen Kostensteigerungen bei Gesundheits- und Pflegekosten. Die größte Unsicherheit kommt aus Berlin. Die bislang bekannten Entwürfe zur Pflegereform lassen nur Schlimmstes befürchten.

Was meinen Sie konkret?

Der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) sieht eine befristete Aussetzung der Tarifpflicht und ihrer Refinanzierung vor, um zur Stabilisierung der Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung beizutragen. Das bedeutet, dass beim Pflegebudget keine Tarifsteigerungen refinanziert werden sollen. Das finde ich skandalös.

Weshalb?

Meine zentrale Kritik an der geplanten befristeten Aussetzung ist, dass einerseits die Pflegeeinrichtungen durch das Tariftreuegesetz verpflichtet sind Tariflohn oder regional übliches Entgelt, was auch nur der regionale Durschnitt von Tariflöhnen ist, zu zahlen, aber zugleich sozialrechtlich die sichere Refinanzierung entzogen werden soll. Das ist ein struktureller Widerspruch, denn die Einrichtungen blieben verpflichtet, Tarifsteigerungen weiterzugeben, während Kostenträger diese nicht mehr zwingend vollständig refinanzieren müssten. Die entstehende Finanzierungslücke müssten die Träger selbst tragen. Ärgerlich ist dabei, dass es dieselben Politiker sind, die diesen Zustand – trotz aller Warnungen – erst mit der Einführung von Pflegemindestlohn und Tariftreuegesetz herbeigeführt haben.

Was raten Sie unseren Geschäftsführern der Pflegeunternehmen Volkssolidarität Dresden gGmbH und deren Tochtergesellschaft BeWo gGmbH?

Die Politik sorgt für Planungsunsicherheit. Damit muss angemessen umgegangen werden. Ich rate daher den Geschäftsführern Christian Seifert und Holger Bayn zu höchster Umsicht und im Zweifel zu harten Maßnahmen. Ich will deutlich werden: in der Branche steigen die Insolvenzen, das betrifft ambulante Pflegedienste und stationäre Einrichtungen. Es droht eine systematische Unterfinanzierung, der im Zweifel nur mit dem Abbau von Pflegeplätzen, weniger ambulante Angeboten zu begegnen wäre. Wir wollen keine Versorgungslücken, aber noch viel weniger werden wir es zulassen, dass die Volkssolidarität Dresden in eine wirtschaftliche Schieflage gerät. Christian Seifert und seine Führungsmannschaft haben das im Blick und sind professionell aufgestellt. Wir fahren gemeinsam auf Sicht.

Die Landeshauptstadt Dresden möchte, dass wir in Dresden-Gruna ab 2028 ein Kultur- und Nachbarschaftszentrum in der Villa Akazienhof betreiben sollen. Was sagen Sie dazu?

Wir stehen hierzu mit Christian Seifert in einem engen Austausch. Mit einem solchen kulturellen Zentrum würden wir wieder an eine alte Tradition im Stadtteil anknüpfen. Auch finden wir im Aufsichtsrat den Ansatz einer generationsübergreifenden Begegnung im Stadtgebiet spannend und perspektivisch die Entwicklung zu einer echten Care-Community zielführend. Es passt gut in unsere Strategie „Volkssolidarität Dresden 2030“. Aber auch hier gilt: Es muss zwingend wirtschaftlich betrieben werden können. Aus meiner langjährigen Erfahrung mit der öffentlichen Verwaltung rate ich dem Vorstand zur Vorsicht. Verwaltung neigt nämlich dazu, den freien Trägern gerne die volle wirtschaftliche Verantwortung und die damit verbundenen Risiken zu übertragen, möchte aber maximal beim Betrieb solcher Einrichtungen mit hineinreden. Wenn das Ganze dann auch noch mit unklaren Verantwortlichkeiten der beteiligten Akteure aus Stadtverwaltung und Stadtteil verbunden ist, dann sehe ich das sehr skeptisch. Auch bin ich persönlich kein Freund von Projektförderung. Stattdessen favorisiere ich eine langfristige und nachhaltigere institutionelle Förderung mit entsprechender Zweckbindung. Das Kultur- und Nachbarschaftszentrum in Gruna wäre dazu eine gute Gelegenheit.

Welchen Stellenwert hat dabei die Stiftung?

Sie ist organisatorisch streng von der Struktur, den Betrieben und Tochtergesellschaften des Volkssolidarität Dresden e.V. zu trennen. Sie ermöglicht uns aber kleinere Projekte der Kinder- und Jugendarbeit zu fördern. Damit setzt die Stiftung bewusst einen anderen Akzent gegenüber dem operativen Hauptbetätigungsfeld der VS Dresden als Dienstleister der Senioren- und Altenhilfen und professionellen Pflege.

Ein Wort an die Mitglieder und Leser

Viele unserer Leserinnen und Leser engagieren sich selbst seit Jahrzehnten. Was möchten Sie ihnen sagen?

Ein riesiges Dankeschön! Sie sind das Fundament der Volkssolidarität Dresden. Ohne Ihre Treue und Ihr Engagement wäre Dresden ein ganzes Stück ärmer. Bleiben Sie kritisch, bleiben Sie aktiv und vor allem: Bleiben Sie uns verbunden.

Ich für meinen Teil bin gut in meiner Mitgliedergruppe 063 „Am Trinitatisplatz“ aufgenommen worden. Unser Vorsitzender Rainer Reißig ist sehr aktiv und organisiert mit seinem ehrenamtlichen Vorstand interessante Veranstaltungen. Richtig gut finde ich auch die von Frau Cathrin Bochert geführte Begegnungsstätte Amadeus in der Striesener Straße 2. Wenn ich in Dresden bin, versuche ich jeden Dienstag dort Schach zu spielen. Hier habe ich zwei Schachfreunde gefunden. Wir können jedoch mehr Mitspieler gebrauchen. Die VS Dresden stellt in den insgesamt 11 Begegnungsstätten jeden Monat ein so vielfältiges Angebot an Veranstaltungen, Interessengruppen und Aktivitäten auf die Beine, dass eigentlich niemand vereinsamen muss.

Schauen Sie doch einmal bei uns vorbei. Man muss nicht Mitglied der Volkssolidarität sein, denn wir stehen für alle offen. Freuen tun wir uns aber trotzdem, wenn sich daraus eine Mitgliedschaft entwickelt.

Lieber Herr Kammerschen, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Zur Person Dietmar Kammerschen

Beruflicher & Politischer Werdegang
•Geburtsjahr & -ort: 1958 in Neuss
•Beruf: Stiftungsdirektor i.R.
•Schwerpunkte: Überwachung und strategische Beratung von Vorständen und Geschäftsführungen
•1985: Studienabschluss (Staatsexamen) in Geschichte, Politikwissenschaften, VWL, Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaft (Universitäten Köln, Wien und Bonn)
•1989–1990: Assistent im Deutschen Bundestag / Referent für Deutschlandpolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
•1990–1991: Referatsleiter in der Sächsischen Staatskanzlei
•1992–2000: Leiter der Zentralstelle des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landesentwicklung bzw. Landwirtschaft (ab 1998)
•2000–2024: Stiftungsdirektor und Vorstand der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt, Dresden
•Seit 2025: Vorsitzender des Aufsichtsrates (bis April 2026 als Verbandsrat bezeichnet)

Ehrenamt & Engagement (Volkssolidarität Dresden e. V.)
•Seit 2023: Mitglied des Vereins
•Seit 2024: Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Volkssolidarität Dresden
•Seit 2025: Vorsitzender des Aufsichtsrates (bis April 2026 als Verbandsrat bezeichnet)

Auszeichnungen
2004: Träger der Sächsischen Verfassungsmedaille

Foto:

Einmal wöchentlich trifft sich Dietmar Kammerschen in der Begegnungsstätte 
„Amadeus“ zum Schach. Im Bild (v. l. n. r.): Manfred Behrendt, Hannes Terner, 
Dietmar Kammerschen.