Gregor Wittenburg, Bereichsleiter Ambulante Dienste bei der Volkssolidarität Dresden

Wenn Inkontinenz zum Alltag wird: Ein Thema, über das wir sprechen müssen – Interview mir Gregor Wittenburg

Es gibt Themen, über die spricht man nicht gern. Nicht, weil sie selten sind. Sondern weil sie schambesetzt sind. Inkontinenz gehört dazu.

In unserer Zeitschrift „Lebensbilder“ haben wir über die Mutter geschrieben, die plötzlich in die Kurzzeitpflege musste. Seit sie einen weiteren Schub hatte, hat sich vieles verändert. Zu allen weiteren Themen wie Demenz etc. kam die Inkontinenz hinzu, sodass nun der dauerhafte Wechsel  in ein Seniorenheim folgte.

Für die Familie war das ein Einschnitt. Für die Mutter ist es ein Verlust an Selbstständigkeit, Würde und Sicherheit. Und für die Tochter bleibt das Thema präsent, denn: Inkontinenz ist nicht nur ein pflegerisches Problem. Es ist ein menschliches Thema. Es betrifft Körper, Seele, Alltag, Beziehungen und oft auch das Selbstbild.

 

Inkontinenz betrifft nicht nur Menschen mit Demenz

Sie kann ältere Menschen treffen, Frauen nach Geburten, Männer nach Operationen, Menschen mit neurologischen Erkrankungen, Menschen nach Schlaganfällen oder Personen mit eingeschränkter Mobilität. Viele Betroffene ziehen sich zurück, vermeiden Besuche, Ausflüge oder gemeinsame Aktivitäten. Dabei gibt es Möglichkeiten, vorzubeugen, zu behandeln, den Alltag zu erleichtern und vor allem: Scham zu nehmen.

Wir haben Gregor Wittenburg, Bereichsleiter Ambulante Dienste der Volkssolidarität Dresden, um eine fachliche Einordnung gebeten.

„Wichtig ist, dass wir Inkontinenz nicht als Versagen betrachten.“

Herr Wittenburg, warum ist Inkontinenz noch immer ein so schwieriges Thema?

Weil es sehr intim ist. Inkontinenz berührt das eigene Körpergefühl und oft auch das Gefühl von Würde. Viele Menschen verbinden damit Kontrollverlust. Sie haben Angst, dass andere etwas riechen, sehen oder bemerken. Manche schämen sich sogar vor den eigenen Angehörigen. Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht mit Ekel, Vorwürfen oder Ungeduld reagieren, sondern mit Ruhe und Normalität.

Viele Angehörige fragen sich: Kann man Inkontinenz verhindern?

Nicht immer. Es gibt Erkrankungen, altersbedingte Veränderungen oder neurologische Ursachen, die man nicht einfach verhindern kann. Aber man kann sehr viel tun, um Risiken zu verringern oder Verschlechterungen früh zu erkennen. Dazu gehören ausreichend Bewegung, Beckenbodentraining, eine gute Flüssigkeitszufuhr, die Behandlung von Harnwegsinfekten, der Blick auf Medikamente, eine geregelte Verdauung und eine Umgebung, in der die Toilette sicher und schnell erreichbar ist. Wichtig ist auch: Inkontinenz sollte ärztlich abgeklärt werden. Sie ist nicht automatisch „normal“, nur weil jemand älter wird.

Was sind Warnzeichen, bei denen Angehörige aufmerksam werden sollten?

Wenn Kleidung oder Bettwäsche häufiger nass sind, wenn jemand plötzlich sehr oft zur Toilette muss, nachts mehrfach aufsteht, Gerüche auftreten oder Betroffene Aktivitäten meiden, sollte man hinschauen. Auch versteckte Wäsche, versteckte Vorlagen oder ungewöhnliches Verhalten können Hinweise sein. Gerade Menschen mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen können oft nicht mehr gut erklären, was passiert. Dann spricht das Verhalten für sie.

Manche verstecken ihre gebrauchten Vorlagen. Wie ordnen Sie so etwas ein?

Das erleben Angehörige häufiger, als man denkt. Für Betroffene kann es ein Versuch sein, die Situation zu kontrollieren oder zu verbergen. Es kann Scham sein, Angst vor Ärger, fehlende Orientierung oder die Unfähigkeit, die Vorlage richtig zu entsorgen. Angehörige sollten das nicht persönlich nehmen und auch nicht beschimpfen. Besser ist es, ruhig zu reagieren und praktische Lösungen anzubieten: gut erreichbare Abwurfbehälter, diskrete Müllbeutel, feste Routinen, regelmäßige Toilettengänge und Kleidung, die leicht zu öffnen ist.

Wie spricht man einen betroffenen Menschen an, ohne ihn zu beschämen?

Am besten direkt, aber wertschätzend. Nicht: „Du hast schon wieder alles nass gemacht.“ Sondern eher: „Ich sehe, dass es gerade schwierig ist. Lass uns gemeinsam schauen, was dir hilft.“ Oder: „Das passiert vielen Menschen. Wir finden eine Lösung, damit du dich sicherer fühlst.“ Wichtig ist, den Menschen nicht auf die Inkontinenz zu reduzieren. Es geht nicht um Schuld, sondern um Unterstützung.

Was können Angehörige im Alltag konkret tun?

Zunächst: beobachten, ohne zu kontrollieren. Dann Strukturen schaffen. Regelmäßige Toilettengänge können helfen, besonders morgens, vor dem Schlafengehen und vor längeren Wegen. Nachts sind gute Beleuchtung, ein freier Weg zur Toilette oder ein Toilettenstuhl sinnvoll. Kleidung sollte praktisch sein. Auch die richtige Größe und Saugstärke des Inkontinenzmaterials ist entscheidend. Zu wenig saugfähiges Material führt zu Unsicherheit, zu viel oder falsch sitzendes Material kann unangenehm sein oder die Haut belasten.

Viele Angehörige reduzieren aus Sorge die Trinkmenge. Ist das sinnvoll?

In der Regel nicht. Zu wenig Flüssigkeit kann Harnwegsinfekte, Verwirrtheit, Kreislaufprobleme oder Verstopfung begünstigen. Sinnvoller ist es, über den Tag verteilt ausreichend zu trinken und abends zu schauen, was individuell passt. Aber pauschales „weniger trinken“ ist meist keine gute Lösung.

Was ist mit der Hautpflege?

Sie ist sehr wichtig. Nasse Haut wird schneller wund. Deshalb braucht es regelmäßiges Wechseln, sanfte Reinigung, gute Hautbeobachtung und geeignete Pflegeprodukte. Rötungen, offene Stellen oder Schmerzen sollten ernst genommen werden. In der ambulanten Pflege achten Pflegekräfte genau darauf, weil Hautschutz ein zentraler Teil guter Versorgung ist.

Inkontinenz betrifft nicht nur Menschen mit Demenz. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Genau. Inkontinenz kann viele Ursachen haben: Beckenbodenschwäche, Operationen, Prostataerkrankungen, Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose, Diabetes, Medikamente, Mobilitätseinschränkungen oder einfach die Tatsache, dass jemand die Toilette nicht rechtzeitig erreicht. Deshalb ist eine individuelle Betrachtung wichtig. Man sollte nicht vorschnell sagen: „Das ist jetzt eben so.“

Wie integrieren die Pflegekräfte des Ambulanten Dienstes der Volkssolidarität Dresden das Thema in ihre Arbeit?

Für unsere Pflegekräfte gehört der Umgang mit Inkontinenz zum Alltag, aber niemals routinemäßig im Sinne von gleichgültig. Es geht um diskrete Unterstützung, um Hygiene, Hautschutz, Beratung und Beobachtung. Unsere Mitarbeitenden achten darauf, ob sich etwas verändert: Wird jemand häufiger nass? Gibt es Hautprobleme? Passt das Material noch? Gibt es Anzeichen für Schmerzen, Infekte oder Verunsicherung? Sie sprechen mit Angehörigen, geben Hinweise und unterstützen dabei, den Alltag zu strukturieren.

Was wünschen Sie sich im Umgang mit Inkontinenz?

Mehr Offenheit. Mehr Wissen. Und mehr Verständnis. Inkontinenz ist kein persönliches Scheitern. Sie ist ein gesundheitliches Thema, das viele Menschen betrifft. Wer früh darüber spricht, kann oft viel verbessern – medizinisch, pflegerisch und menschlich.

Scham nehmen, Würde schützen

Für mich bleibt nach den Erfahrungen mit meiner Mutter vor allem eines: Wir dürfen Inkontinenz nicht wegschieben. Nicht aus Scham. Nicht aus Unsicherheit. Und nicht, weil es unangenehm ist.

Denn hinter jeder nassen Hose, jedem beschämten Blick und jeder versteckten Vorlage steht ein Mensch, der Hilfe braucht. Nicht Vorwürfe. Nicht Druck. Sondern Zuwendung, Wissen und praktische Unterstützung.

Der Internationale Inkontinenztag ist deshalb mehr als ein Aktionstag. Er ist eine Einladung, ein Tabu zu brechen. Für Betroffene. Für Angehörige. Für Pflegekräfte. Und für eine Gesellschaft, die lernt, auch über das zu sprechen, was vielen peinlich ist.

Lesen Sie auch unseren Beitrag „Inkontinenz betrifft Millionen: Tipps für den Umgang mit Betroffenen, Vorsorge und Unterstützung“

Foto: Volkssolidarität Dresden