Haushaltshilfe der Volkssolidarität Dresden

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ – Zwischen Liebe, Verantwortung und Realität

Interview mit Katja Schiekel, Leiterin Haushaltshilfe Volkssolidarität Dresden

Im ersten Teil von „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ berichtete die Redakteurin über ihre Erfahrungen mit ihren Eltern.  Lesen Sie, wie es weiter geht:

Als unsere Redakteurin ihr Mutter im Krankenhaus besuchen wollte, musste sie vorher noch etwas bei ihren Eltern holen. In der Küche blieb ihr Blick am Boden hängen. Für sie war klar: Hier müsste dringend gewischt werden. Also fragte sie vorsichtig ihren Vater, ob er nicht Unterstützung brauche. Er seufzte und sagte, dass eigentlich die Haushaltshilfe kommen sollte – sie aber wieder gegangen sei, da die Mutter nicht zu Hause wäre und die Leistung so nicht über die Förderung abgerechnet werden könne. Um dies zu verstehen, rief unsere Redakteurin daraufhin Katja Schiekel an, die Leiterin der Haushaltshilfe, Volkssolidarität Dresden.

Ein Gespräch über Unterstützung, Schwäche und Erkennen

Als die Redakteurin ins Krankenhaus fahren wollte (Lesen Sie dazu Teil 1), musste sie vorher noch bei ihren Eltern vorbeischauen, um etwas für ihre Mutter zu holen. In der Küche blieb der Blick am Boden hängen, der einer Reinigung bedurfte. Also fragte sie den Vater vorsichtig, ob er nicht Unterstützung brauche. Er seufzte und sagte, dass eigentlich die Haushaltshilfe kommen sollte – sie aber wieder gegangen sei, weil die Mutter im Krankenhaus sei und die Leistung so nicht über die Förderung abgerechnet werden könne.

Dies war der Anlass, einmal mit Katja Schiekel, der Leiterin  der Haushaltshilfe der Volkssolidarität Dresden zu sprechen. unserer Haushaltshilfe. 

Katja Schiekel, Leiterin Hauswirtschaftshilfe

Liebe Frau Schiekel, tagtäglich berichten Ihnen Angehörige von ähnlichen Situationen. Wie sehen Sie das?

Das ist völlig normal. Viele ältere Menschen sehen Verschmutzungen gar nicht mehr. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Augen es schlicht nicht mehr wahrnehmen. Krankheiten wie die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) lassen bestimmte Bereiche des Sichtfeldes verschwimmen oder ganz ausfallen.

Wie sollte man das den Angehörigen vermitteln ohne sie zu verletzen?

Viele ältere Menschen sehen nicht, was wir sehen – und das ist niemandes Schuld, daher:  mit viel Fingerspitzengefühl. Wichtig ist, nicht zu kritisieren, sondern Unterstützung anzubieten. Sätze wie „Ich helfe dir gern, damit du dich wohler fühlst“ kommen besser an als „Hier sieht’s aber nicht gut aus“. Man kann auch über sich selbst sprechen: „Ich merke, dass dir vieles schwerfällt – lass uns gemeinsam überlegen, wie wir es dir leichter machen.“ Wertschätzung ist entscheidend.

Niemand möchte das Gefühl haben, nicht mehr zu genügen.

Wer nimmt Ihren Service typischerweise in Anspruch?

Antwort: Meist sind es Angehörige, die merken, dass ihre Eltern Unterstützung brauchen. Viele sind berufstätig oder wohnen weiter weg. Aber auch ältere Menschen selbst melden sich – oft dann, wenn sie sich unsicher fühlen oder merken, dass der Haushalt ihnen über den Kopf wächst. Die Hemmschwelle ist groß, aber der Bedarf ist meist schon länger da.

Was begegnet Ihnen in der Praxis besonders häufig?

Antwort: Viele ältere Menschen versuchen, ihre Einschränkungen zu verbergen. Sie wollen ihre Kinder nicht belasten. Wir sehen dann ungeöffnete Post, volle Wäschekörbe, schlecht gelüftete Räume oder Stolperfallen. Oft fällt uns zuerst auf, dass etwas nicht stimmt – etwa beginnende Demenz, Überforderung oder körperliche Schmerzen. Haushaltshilfe ist deshalb viel mehr als Putzen. Sie ist ein Blick auf den Alltag.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, Hilfe anzunehmen?

Antwort: Früher, als viele denken. Wenn Routinen schwerfallen, wenn man sich häufiger unsicher fühlt, wenn der Haushalt liegen bleibt oder wenn Angehörige merken, dass sie an ihre Grenzen kommen. Hilfe anzunehmen bedeutet nicht, die Selbstständigkeit zu verlieren. Im Gegenteil: Wer früh Unterstützung bekommt, bleibt länger selbstbestimmt. Bei Beratungsgesprächen fühle ich oft die Zurückhaltung, manchmal auch Bedenken, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, fremde Leute in die Wohnung zu lassen oder gar die Leistung der Kranken/Pflegekasse zuzulassen. Ich versuche dann zu vermitteln, dass man doch ein Arbeitsleben lang in diese Kasse eingezahlt hat und jetzt dieser „Entlastungsbeitrag“ (so heißt das in der Fachsprache) für die Hilfe im Haushalt bereitsteht. Nicht zuletzt „entlastet“ es auch die Angehörigen. „Gönnen Sie sich das doch“, sage ich dann. Ein Lächeln auf den Gesichtern gibt Bestätigung.

Was empfehlen Sie der jüngeren Generation im Umgang mit älteren Eltern?

Antwort: Geduld und echtes Hinsehen. Viele ältere Menschen sagen nicht, was sie brauchen. Man sollte auf kleine Veränderungen achten: Wird jemand stiller, unordentlicher, vergesslicher, unsicherer. Und man sollte offen über Unterstützung sprechen – ohne Vorwürfe. Wichtig ist auch, die Lebensleistung der Eltern zu würdigen. Wer versteht, was sie geleistet haben, begegnet ihnen mit mehr Respekt und Gelassenheit.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der häuslichen Unterstützung?

Antwort: Mehr Offenheit und weniger Scham. Haushaltshilfe und Pflege sollten genauso selbstverständlich sein wie ein Arztbesuch. Und ich wünsche mir, dass Angehörige früher entlastet werden. Niemand muss alles allein schaffen. Wenn wir das gemeinsam verstehen, können ältere Menschen würdevoller altern – und Familien bleiben stabiler. Nicht zuletzt wünsche ich mir mehr Anerkennung und Wertschätzung für die Leistung meiner Mitarbeiter in der Haushaltshilfe, dann gäbe es möglichweise nicht so viele Nachwuchsprobleme.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sie benötigen Unterstützung oder eine Beratung? Schreiben Sie an haushaltshilfe@volkssoli-dresden.de . Wir melden uns umgehend.

Den Beitrag finden Sie übrigens in unserer Senioren-Zeitschrift „Lebensbilder“ und hier zum blättern.